|
Lernzirkel-Station 6: Moderne Musik - Material Musikbeispiele von Alban Berg Die beiden Vertonungen des Storm-Gedichts "Schließe mir die Augen beide" durch Alban Berg finden Sie in vollständiger Länge auf folgender CD: Philips CD-Nr.422235-2; Gesang: Jessye Norman; Klavier: Geoffrey Parsons (Track 9 und Track 10) Um einen ersten Eindruck von den beiden Vertonungen zu erhalten, können Sie hier jeweils einen kurzen Ausschnitt anhören:
(Den "Real Player" erhalten Sie kostenlos bei http://www.real.com.) Text 1: Begriffsdefinitionen aus der Fremdwörter-Duden
Text 2: Arnold Schönberg: Konsonanz und Dissonanz Noch einmal: der Ton ist das Material der Musik. Er muß daher mit allen seinen Eigenschaften und Wirkungen für kunstfähig angesehen werden. Alle Empfindungen, die er auslöst, das sind ja die Wirkungen, die seine Eigenschaften kundgeben, nehmen in irgendeinem Sinn Einfluß auf die Form, deren Bestandteil er ist, auf das Tonstück. In der Obertonreihe, die eine seiner bemerkenswertesten Eigenschaften ist, erscheint nach einigen stärker klingenden Obertönen eine Anzahl schwächer klingender. Zweifellos sind die ersteren dem Ohr vertrauter, die letzteren, fürs Ohr kaum wahrnehmbaren, fremder. Mit anderen Worten: die näherliegenden scheinen mehr oder Wahrnehmbareres beizutragen zu der als kunstfähiger Wohlklang erkannten Gesamterscheinung des Tons, die fernerliegenden weniger oder weniger Wahrnehmbares... Der Unterschied zwischen ihnen ist daher nur graduell und nicht wesentlich. Sie sind, was sich ja auch in den Schwingungszahlen ausdrückt, ebensowenig Gegensätze, wie zwei und zehn Gegensätze sind; und die Ausdrücke Konsonanz und Dissonanz, die einen Gegensatz bezeichnen, sind falsch. Es hängt nur von der wachsenden Fähigkeit des analysierenden Ohrs ab, sich auch mit den fernliegenden Obertönen vertraut zu machen und damit den Begriff des kunstfähigen Wohlklanges so zu erweitern, daß die gesamte naturgegebene Erscheinung darin Platz hat... Wenn ich nun die Ausdrücke Konsonanz und Dissonanz, obwohl sie unberechtigt sind, weiter verwende, so geschieht das deshalb, weil die Anzeichen dafür da sind, daß die Entwicklung der Harmonie das Unzulängliche dieser Einteilung in kurzer Zeit erweisen wird. Die Einführung einer anderen Terminologie in diesem Stadium hätte keinen Zweck und könnte kaum befriedigend gelingen. Da ich jedoch mit diesen Begriffen operieren muß, definiere ich Konsonanzen als die näher liegenden, einfacheren, Dissonanzen als die entfernter liegenden, komplizierteren Verhältnisse zum Grundton. Die Konsonanzen ergeben sich als die ersten Obertöne und sind desto vollkommener, je näher sie dem Grundton liegen. Das heißt, je näher sie dem Grundton liegen, desto leichter ist es, ihre Ähnlichkeit mit diesem zu erfassen, desto leichter ist es dem Ohr, sie dem Gesamtklang einzuordnen, zu assimilieren, desto leichter, ihren Zusammenklang mit dem Grundton als "ruhenden", keiner Auflösung bedürftigen Wohlklang zu bestimmen. Dasselbe sollte auch für die Dissonanzen gelten... Wir sind ja heute schon so weit, zwischen Konsonanzen und Dissonanzen keinen Unterschied mehr zu machen. Oder höchstens den, daß wir Konsonanzen weniger gern verwenden. Was möglicherweise nur eine Reaktion auf die vorhergegangenen Epochen der Konsonanz ist; eine Übertreibung vielleicht. Aus: Arnold Schönberg: Harmonielehre (1911), Wien 1949, S.16/17, 79. zit. nach Gruhn, Wilfried: Stil und Stilwandel in der Musik (Frankfurt/Main 1989) S. 49. Text 3: Tonal - A-tonal Die Begriffe tonal und a-tonal stehen heute einander gegenüber. Vor zwanzig Jahren arbeitete man mit dem Begriff moderne Musik. Modern war ein historisch orientierter Begriff... Würde man unter a-tonaler Musik weiter nichts verstehen als die in unserer Zeit ,,radikal-moderne" Musik, so bekäme der Begriff a-tonal einen ähnlich historischen Charakter wie der Begriff ,,modern" vor zwanzig Jahren. Dem ist aber nicht so. Der Begriff a-tonal will mehr sein als ein historischer ,,Schulbegriff". Er enthält ein Programm. Wie aber schon der Begriff a-tonal besagt - zuerst ein negatives: Nicht-tonal! ... Der Schritt von der tonartsbestimmten Tonalität zur A-Tonalität war damit vorbereitet, aber dieser Schritt bedeutet, konsequent genommen, eine vollkommene Umwälzung der Musik und zugleich des ganzen tonalen musiktheoretischen Systems. Denn bei einem radikalen Aufgeben der Tonarts-Tonalität, verlieren die tonalen Grundelemente ihre bisherige Bedeutung - vor allem - im Hinblick auf die Totalität - ihre formgebende Bedeutung. Die Arbeit der Formbildung, die früher die diatonische Skala mit ihren in bestimmten Richtungen wirkenden Einzeltönen (Leitton, Grundton usw.) zu leisten hatte, soll jetzt (bei der a-tonalen Einstellung) von der aus zwölf Tönen bestehenden chromatischen Skala (die keine Tonarts-Tonalität ergeben kann) geleistet werden... Der Dreiklang verliert seinen (im bisherigen Verstand) formgebenden Sinn, wenn er aus dem diatonisch-orientierten System herausgehoben wird - ja! - das ganze harmonische, auf der diatonischen Skala aufgebaute System fällt in sich zusammen. Die Kadenz ist hinfällig geworden. Die späten Werke Schönbergs sind, unter diesem Gesichtspunkte gesehen, großartige Versuche, neue formgebende Komplexe zu bilden. Eine Musiktheorie der a-tonalen Musik hätte vor allem sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Die große geistige Spannung, die der Gegensatz zwischen tonaler und a-tonaler Musik hervorgerufen, ist von Schönberg mit hinreißender Lebendigkeit und Genialität erlebt. Paul von Klenau, in: Arnold Schönberg zum 50. Geburtstage, September 1924. Sonderheft der Musikblätter des Anbruch, Wien 1924, 5.309/310. zit. nach Gruhn, Wilfried: Stil und Stilwandel in der Musik (Frankfurt/Main 1989) S. 50.
|