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Alfred Döblin: Der Geist des naturalistischen Zeitalters (Auszüge) Die Differenzierung der Menschen unter der Einwirkung des technischen Geistes. Es werden Erfinder, Unternehmer, Händler und Kleinarbeiter geschaffen. Die Gliederung der früheren Epoche, die Hierarchie, die ländlichen Stände können sich nicht halten. Die neue Gesellschaft sucht ihr Zentrum und organisiert sich. Da sind die sozialen Fragen, der Kampf der Kleinarbeiter, die zu Arbeitstieren degradiert werden, gegen die Degradation. Diese Schichtung ist nicht fest, die Gesellschaftsbildung ist im Fluss. Übrigens - so erbittert Unternehmer und Proletarier kämpfen, niemand denkt an eine Änderung oder Beseitigung des technischen Impulses; niemand geht gegen das Zentrum vor. Beide fühlen sich, wie auch immer, als Organe des neuen Geistes und sind bereit, ihn zur Darstellung zu bringen. Es ist sicher, dass im Augenblick der Proletarierherrschaft dieser Geist eine unerhörte Herrschaft antreten würde: begreiflich, da keine Durchkreuzung durch ältere und andern Impulse in dieser Schicht erfolgt... Es gehört eine gewisse innere Verdunkelung (sagt einer Verblödung) dazu, Kunstwerke in die Welt zu setzen. Nur so ist es verständlich, dass Deutschland schon 1890 ein stark industrialisiertes Land war, die Künstler aber, Maler und Literaten, noch bei Sonnenaufgängen und Gänsehirten verweilten. Dann wurden in der Literatur einige Leute bewegt, sie wussten nicht wie. Es entstand, in Deutschland stark von außen herangetragen, zum Teil nicht aus dem Leben, sondern auf dem Umwege über fremde Literatur, die naturalistische Welle. Man sah sich um, nunmehr. Vorher hatte man streng darauf geachtet, sich nicht umzusehen, Wenigstens die Blindheit hatten die Dichter von Homer geerbt. Das Poetische einer ganzen Periode bestand darin, dass man schön malte und schön schrieb; aber man vergeistigte damit nichts. Man bewahrte nur auf und nannte sich gebildet. Man war, da man leblos war im Geistigen, roh. Das Gebildete war unzweifelhaft Raffael, der Glatte, Einfalt und edle Würde oder, das war noch ehrlicher, Patriotismus mit blanken Kürassierstiefeln. Dem aufkommenden Naturalismus der deutschen Literatur und Malerei blieb nichts übrig, als zunächst einmal heftig mit Dreck zu spritzen. Und da die edle Gesinnung gern mit Pensionsberechtigung verbunden war, ging der Naturalismus gegen die Pensionsberechtigten vor. Es ist übrigens nicht richtig, dass diese technische Periode an sich keine Künstler und keine Kunst erzeugen kann, etwa darum, weil diese Epoche ihre Hauptenergien in die Technik wirft. Jede Geistigkeit ist in solchen anfänglichen Epochen vor ungeheure Aufgaben gestellt. Sondern wie schon bemerkt, die Geistigkeit gerät sehr langsam ins Kochen. Nach der naturalistischen Periode kam die Literatur in rascheren Fluss. Die alberne Jambensprache, der edle Stil, wurde endlich als ekelhaft empfunden: Vehemenz, Frische, auch Dialektisches lockerte die Kunstsprache auf. Einige Literaten zertrümmerten die Syntax selbst; sie waren der nicht unrichtigen Meinung, dass in solchen Formelementen sich Altes verkapsele. und die Bewegung störe. Da ihnen die alten Worte über waren, konstruierten sie neue. Nebenbei, wie schwer die Lösung von der früheren Epoche war, zeigten gerade manche Extreme: Sie priesen in der befreiten Form gänzlich alte Dinge, wie den Mond, Kanarienvögel und Nachtigallen. In der Malerei Liebermann. Später der Futurismus. Der trug deutlich an sich technische Zeichen, Hymnen auf das Auto, das Flugzeug, die Expansion, das Tempo. Die abstrakten Maler darauf waren zu stolz, noch irgend etwas nachzuahmen. Dies scheint Antinaturalismus zu sein, oder Anaturalismus. Aber der Akzent liegt auf der Abhängigkeit; sie wollen selbständig sein; diesseitig und eigenverantwortlich, fast schon neureligiös; sie bilden sich ihre Elementarbestandteile, etwa kubistischer Art. Der Konstruktivismus sieht Schönheit nur in Drähten, Maschinenteilen, geometrischen Formen. Parallel alle Musik: Auflösung der alten Syntax und Grammatik, der Formeln und Tonalität. Der Bruch ist am deutlichsten in Schönberg. Die Zeit der ländlich verweilenden oder ländlich heroischen, altgeformten Musik ist vorbei.
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